Vortrag: Romy Helf als Volontärin in Israel (2019)

Vortrag

Die Frage, was man nach dem Abitur machen soll, ist besonders für die angehenden Abiturienten präsent. Romy Helf, eine ehemalige Schülerin des Gymnasiums, gab im Religions- und Ethik-Unterricht der JS2 darauf eine mögliche Antwort: Zwei Jahre verbrachte sie als Volontärin in Israel. In ihrem Vortrag waren die dortige Gastfreundschaft und der interreligiöse Versöhnungsakt Thema, aber auch, wie sie in einem einjährigen Prozess „I love you“ in den Sprachgebrauch einer dementen Person etablierte.


Im Sommer 2016 stand Romy vor der Entscheidung: Was soll ich nach dem Abitur machen? Zwei Optionen schwirrten in ihrem Kopf: Ihr Wunsch, mit Kindern den (Berufs-)Alltag zu verbringen, war groß. Aber auch eine Israel-Reise war nicht abwegig, zumal ihre Großeltern als Reiseleiter mehrmals in Israel waren. So hatte sie sich überlegt, beides zu kombinieren: In Israel mit Kindern arbeiten – das wäre ideal gewesen. Aber das Leben ist nun einmal kein Wunschkonzert und so ergab sich eine andere Kombination. Für Romy führte der Weg wie geplant in das 3000km entfernte Land Israel im Nahen Osten. Dort arbeitete sie mit Personen, die alles andere als im Kindesalter waren: Auf der Demenz-Station eines Altersheims unterstützte sie die Mitarbeiter bei ihrer täglichen Arbeit.

Untergekommen ist sie in einer Unterkunft für Volontäre. „Ein richtiges Hippie-Haus“, so Romy. Mit insgesamt sieben weiteren Volontären lebte sie dort, in einem Haus, das sie frei gestalten konnten. So nutzten sie ihre Freiheit auch, um Freunde einzuladen und mit ihnen die Abende in jugendlicher Manier ausklingen zu lassen.

Unterwegs war Romy mit der Organisation Dienste in Israel. Diese christliche Organisation versteht sich und ihre Volontäre als Brückenbauer, die zwischen dem Christentum und dem Judentum Versöhnungsdienste leisten.
Aber wie sah die Brückenbau-Tätigkeit für Romy aus? Da sie als Volontärin im Altenheim tätig war, half sie den dortigen Bewohnern, den Alltag zu meistern. Auf der Demenz-Station hatte sie neben den Tätigkeiten wie Windeln wechseln, frühstücken oder Gespräche führen auch ungewöhnlichere Aktivitäten zu bewältigen: So nahm sie mit einer Bewohnerin die Herausforderung wahr, ihr den Ausspruch „I love you“ beizubringen. Für demente Personen sei das eine ziemlich große Herausforderung, aber Romy und ihre ältere Sprachschülerin waren erfolgreich.

Gerade in heutigen Zeiten ist es üblich, dass im Altersheim zwei besondere Generationen zusammentreffen: Viele der Bewohner sind Opfer des Nationalsozialismus und sind daher u.a. Geflüchtete; Romy gehört zu der Generation, die noch solchen Zeitzeugen begegnen kann. In den 24 Monaten, die sie in Israel verbrachte, hatte sie somit die Möglichkeit, die deutsche Geschichte aus den Händen der Opfer zu erfahren. „Das, was sie mir erzählten, kann ich euch nicht erzählen“ war die Aussage, die zweideutig verstanden werden kann: Einerseits waren die Schilderungen so vielschichtig und komplex – da hätte die halbe Stunde nicht gereicht. Andererseits seien diese Schilderungen von solch einer Grausamkeit und Brutalität, die kaum vorstellbar wäre.

Nun stellte sich uns die Frage, inwiefern sie als Person mit deutscher Staatsbürgerschaft mit solchen Lasten der Geschichte umging: Anfänglich stellte sie sich als Schweizerin vor, um nicht vorschnell verurteilt zu werden – da sie zusätzlich zur deutschen Staatsbürgerschaft die schweizerische besitzt, war ihre Angabe auch nicht falsch. Später stellte sie aber fest, dass das Deutsch-sein in den seltensten Fällen eine Bürde war, ganz im Gegenteil – die Israelis freuten sich, ihr zu begegnen, sie nahmen sie in ihre Gesellschaft auf, sodass sie sich stets wohl und willkommen fühlte. Nur einmal bekam sie zu hören, dass ein Patient einer deutschen Person nicht mehr die Hand schütteln werde. So sei zwar die Geschichte des letzten Jahrhunderts präsent gewesen und diese wurde in Gesprächen oftmals thematisiert, aber mittlerweile ginge es darum, was mit der Zukunft gemacht werde. In diesem Sinne prägte sie die Aussage eines Israeli, dass die heutige Generation nicht für die Taten vergangener Zeit verantwortlich sei, aber sehr wohl für das, was zukünftig passiere.

Die Atmosphäre der Personen und des Umfelds sei aber auch stark davon abhängig gewesen, wo man sich aufhält: Beispielsweise sei ihr Jerusalem als eine Stadt in Erinnerung geblieben, in der die Religion eine besonders große Rolle spielt. Eine 30-minütige Autofahrt später sei sie in Tel Aviv in einer anderen „Blase“ angekommen, in der besonders das junge, hippe Leben den Alltag präge. So sei es nicht verwunderlich, dass in Tel Aviv die größte Gay Pride stattfinde.

Bei all den Ausflügen und Erlebnissen, die sie dort durchführten, kämen einige durchaus in die Versuchung, die Brückenarbeit misszuverstehen. Obwohl die Richtlinien der Organisation die Missionierungsarbeit untersagen, gab es wohl einen Fall, dass ein Volontär aktiv Missionierung durchführte und hierbei versuchte, Personen um Bus „zu heilen“. Dies seien aber Einzelfälle, sie persönlich hielt nicht viel davon: „Ich möchte keiner Person meinen Glauben aufzwingen.“

Und deshalb ist Israel auch als ein Land der Vielseitigkeit zu sehen, in denen das tägliche Leben trotz Krieg weitergehen muss. Die zahlreichen Erlebnisse, die Romy auch als Person prägten, ließen auch das Publikum nicht los. Zwar sind die 30 Minuten der Diskussion nicht annährend ausreichend gewesen, aber das zeigt eben auch, dass ein solches Erlebnis als Volontärin in einem Land ein einmaliges Erlebnis ist.

Ein Dankeschön auch an Herrn Herrmann, der diesen Vortrag für die Schüler der JS2 organisiert hatte!

Infos zu Dienste in Israel: https://www.dienste-in-israel.org

Beitrag und Fotos: Mai Saito

Heute 53 Gestern 1292 Woche 3430 Monat 9465 Ingesamt 1114415

 

Copyright © Gymnasium Trossingen 2021

Diese Seite verwendet Cookies. Durch die weitere Nutzung dieser Webseite stimmen Sie dieser Verwendung zu.